Essstörungen erkennen und Spezialisten finden

Essstörungen zählen zur Gruppe der psychosomatischen Erkrankungen. Die Gemeinsamkeit: starke Störungen im Essverhalten. Sie sind häufig mit ernsthaften und langfristigen Gesundheitsschäden verbunden. Die Krankheit betrifft die Nahrungsaufnahme oder deren Verweigerung und steht in Zusammenhang mit psychosozialen Beeinträchtigungen sowie einer gestörten Einstellung zum eigenen Körper.


Medizinische Lektorin Mag. Susanne Schmieder

Dieser Artikel wurde nach den Vorgaben aktueller medizinischer Fachliteratur, Leitlinien und wissenschaftlichen Standards verfasst und sorgfältig von Medizinern geprüft.

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Welche Symptome sind typisch für Essstörungen?

Beeinträchtigungen im Essverhalten können sich durch unterschiedliche Anzeichen äußern. Für die meisten Menschen ist das Essen ein ganz normaler, alltäglicher Vorgang, um den Hunger zu stillen. Von Essstörungen Betroffene dagegen beschäftigen sich gedanklich ständig mit diesem Thema. Sie verbinden mit dem Essen zwanghafte Verhaltensweisen.

Entsprechend der Symptome werden drei Hauptformen von Essstörungen unterschieden: Magersucht, Bulimie und Binge-Eating-Syndrom.

Das wichtigste Merkmal der Magersucht (Anorexia Nervosa) ist ein krankhaftes Bedürfnis, das Gewicht zu verringern. Betroffene verspüren eine nahezu panische Angst vor Gewichtszunahme. Deshalb versuchen sie, dem Körper so wenig Nahrung wie möglich zu geben. Außerdem achten sie darauf, dass die wenige aufgenommene Nahrung kaum Kalorien enthält. Viele Patienten strengen sich zudem körperlich häufig und intensiv an, um ihren Energieverbrauch zu steigern.

Mit der Magersucht geht eine Körperschema-Störung einher. Diese führt dazu, dass sich Betroffene sogar mit extremem Untergewicht noch als zu dick empfinden.

Magersucht

Bei der Ess-Brech-Sucht (Bulimia Nervosa) wiederum verfügen betroffene Personen meist über ein normales Gewicht, neigen aber zu Gewichtsschwankungen. Ein wesentliches Merkmal stellen Essattacken mit anschließendem Erbrechen dar. Außerdem greifen Patienten mit Essstörungen häufig unkontrolliert zu Abführmitteln.

Die Binge-Eating-Störung (Essattacken mit Kontrollverlust) kennzeichnet, dass Patienten an Essattacken leiden, die immer wieder auftreten. Bei dieser Verhaltensstörung verzichten die Betroffenen jedoch auf gewichtsreduzierende Maßnahmen. Sie verlieren das Gefühl für Sättigung und die Kontrolle über ihre Nahrungsaufnahme. Auch wenn die Essattacken nur von kurzer Dauer sind, kann deren Häufigkeit zu Fettleibigkeit, Adipositas, führen.

Darüber hinaus können Mischformen von Essstörungen auftreten. Dann weisen Betroffene Merkmale unterschiedlicher Krankheitsbilder auf. Die Bezeichnung hierfür lautet beispielsweise atypische Bulimie oder atypische Magersucht.

Eine weitere Essstörung ist das Pica-Syndrom. Es kommt bei Patienten mit Entwicklungsstörungen, geistigen Behinderungen oder Demenz vor. Diese Menschen nehmen nicht-essbare Dinge zu sich wie etwa Erde, Papierschnipsel oder Kot.

Wie viele Menschen leiden an einer Essstörung?

Eine aktuelle Studie aus den Vereinigten Staaten zeigt, dass im Laufe eines Jahres etwa 0,1 Prozent aller Mädchen und Jungen im Alter zwischen 8 und 15 Jahren an einer Essstörung erkranken. Diese Zahl mag gering erscheinen. Da Essstörungen mit erheblichem Leidensdruck und schweren gesundheitlichen Folgen verbunden sind, darf die Krankheit trotzdem nicht unterschätzt werden.

Wie werden Essstörungen diagnostiziert?

Der Arzt stellt die Diagnose nach der Anamnese und der körperlichen Untersuchung der Patienten. Unter- und Übergewicht sowie Adipositas werden nach dem Body-Mass-Index (BMI) bewertet, der Relation des Körpergewichts eines Menschen zu seiner Körpergröße.

Im Fall einer Magersucht wird das Körpergewicht mindestens 15 % unter dem Normalgewicht liegen. Bei Mädchen oder Frauen bleibt häufig die Menstruation aus, es kann zu Haarausfall und Zahnschäden kommen. Darüber hinaus sind Herz- und Kreislaufstörungen, Nierenerkrankungen und Magen-Darm-Erkrankungen möglich. Die Bulimie muss für eine definitive Diagnose seit mindestens drei Monaten bestehen und wenigstens zwei Mal pro Woche auftreten. Für die Binge-Eating-Störung sind auf jeden Fall drei der folgenden fünf Merkmale erforderlich:

  • Essen ohne Hungergefühl
  • übermäßig schnelles Essen
  • Essen bis zum Eintreten eines Völlegefühls
  • aus Schuldgefühlen alleine essen
  • Emotionen wie Depressionen, Ekel oder Scham nach den Essanfällen

Der Münchner Verein ANAD e.V. Versorgungszentrum Essstörungen bietet einen Test zur Selbsteinschätzung des Essverhaltens. Bitte beachten Sie: Ein Selbsttest gibt Ihnen eine grobe Orientierung. Er kann in keinem Fall einen Arztbesuch ersetzen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Die Therapie der Essstörungen basiert auf den beiden Säulen Psychotherapie und Ernährungstherapie. Sie kann sowohl ambulant als auch stationär erfolgen. In besonders schweren Fällen besteht die Möglichkeit einer längerfristigen Behandlung in therapeutischen Wohngruppen.

Hauptziele der Therapie:

  • Erlernen eines normalen Essverhaltens
  • Stabilisierung des Körpergewichts
  • Wiederherstellung eines positiven Körperbildes
  • Entwicklung eines normalen Hunger- und Sättigungsgefühls
  • Wiedererlangen von Freude und Genuss am Essen

Im Rahmen der Psychotherapie steht die Behandlung der Symptome des abnormalen Essverhaltens im Vordergrund. Dazu zählen in erster Linie Hungern, Erbrechen, Essattacken sowie mangelndes Selbstwertgefühl. Soweit wie möglich sollen die Ursachen für das gestörte Verhalten gefunden und das psychische Gleichgewicht wiederhergestellt werden.

Psychotherapie

Zum Einsatz kommt neben der kognitiven Verhaltenstherapie auch die systemische Familientherapie. Betroffene können dadurch in die Lage versetzt werden, selbst Verantwortung für ihr Essverhalten und ihr Körpergewicht zu übernehmen. Die familienorientierte Behandlung ist vor allem für Jugendliche geeignet, die noch im Elternhaus leben. Hierbei ist es hilfreich, die gesamte Familie in die Lösung der durch die Essstörung verursachten Probleme einzubeziehen.

Die Ernährungstherapie hat zum Ziel, Betroffene über die Symptome und Folgen des gestörten Essverhaltens aufzuklären. Darüber hinaus werden Kenntnisse über eine geordnete Struktur der Mahlzeiten, die optimale Portionsgröße und gesunde Lebensmittel vermittelt.

Ambulante Therapie

Die ambulante Behandlung erfolgt mehrmals pro Woche bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten und wird unter diesen Bedingungen in Erwägung gezogen:

  • der BMI liegt über 15
  • regelmäßige Gewichtszunahme bei Untergewicht
  • keine beträchtlichen bulimischen Symptome (beispielsweise drastische Essanfälle, häufiges Erbrechen, starker Missbrauch von Abführmitteln)
  • Einsicht und Motivation zur Veränderung des Essverhaltens erkennbar
  • keine Suizidgefahr
  • intaktes soziales Umfeld

Regionale Selbsthilfegruppen bieten zusätzliche Unterstützung für Betroffene. Achten Sie unbedingt darauf, dass eine geeignete Person die Treffen moderiert. Qualifizierte Gruppenleiter können Betroffene sein, die sich intensiv mit ihrer Krankheit auseinandergesetzt haben und stabil sind. Außerdem existieren professionell begleitete Gruppen. Diese werden von Sozialpädagogen oder Psychotherapeuten geleitet.

Stationäre Therapie

Die stationäre Behandlung ist bei sehr schweren sowie besonders langen Essstörungen indiziert und kommt unter folgenden Bedingungen in Betracht:

  • der BMI liegt unter 15
  • schneller Gewichtsverlust, der zudem länger anhält
  • beträchtliche bulimische Symptome (beispielsweise drastische Essanfälle und häufiges Erbrechen, starker Missbrauch von Abführmitteln)
  • Suizidgefahr
  • kein intaktes soziales Umfeld
  • erfolglos gebliebene ambulante Therapie

Für Patienten mit Magersucht ist eine stationäre Behandlung übrigens besonders häufig notwendig, da die außergewöhnliche Gewichtsabnahme mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden ist.

Digitale Technik in der Therapie

Namhafte Experten aus der Wissenschaft haben sich in der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen (DGESS e.V.) zusammengeschlossen. Sie erforschen unter anderem internetbasierte Therapieangebote. Diese dienen unter anderem zur Nachsorge nach einem stationären Aufenthalt. Auf der Website des Vereins finden Sie Informationen zum aktuellen Stand der Forschung.

Prognose und Heilungsverlauf bei Essstörungen

Vor allem für jüngere Patienten besteht bei frühzeitigem Therapiebeginn eine gute Chance auf Heilung. Sollten Sie oder ein Mitglied Ihrer Familie von einer Essstörung betroffen sein, ist es wichtig, möglichst schnell ärztlichen Rat zu suchen. Je früher die Behandlung begonnen wird, desto besser normalisiert sich das Gewicht und die Betroffenen erhalten wieder eine normale Lebenserwartung. In einigen Fällen bleiben die Essstörungen jedoch auch unter Behandlung chronisch oder es kommt zu Rückfällen.

Die Aussichten auf Heilung sinken mit einem Beginn der Erkrankung vor dem 11. Lebensjahr, besonders niedrigem Ausgangsgewicht und langer Dauer der Essstörung. Vor allem Patienten mit Magersucht sind von Austrocknung oder akutem Organversagen mit Todesfolgen bedroht. Daher sollten die Anzeichen für Essstörungen zu einem möglichst frühen Zeitpunkt wahrgenommen und entsprechende Therapiemaßnahmen eingeleitet werden.

Quellen

  • Spitzer, N. (2016): Perfektionismus und seine vielfältigen psychischen Folgen: Ein Leitfaden für Psychotherapie und Beratung. Springer-Verlag.
  • Jacob, G. und Melchers, F. (2017): Ratgeber Schematherapie: Eigene Verhaltensmuster erkennen und verändern. Reihe „Fortschritte der Psychotherapie. Hogrefe-Verlag.
  • Sipos, V. & Schweiger, U. (2016): Therapie der Essstörung durch Emotionsregulation. 2.Auflage. Kohlhammer-Verlag.
  • Jacobi et. al. (2016): Anorexia und Bulimia nervosa: Ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Behandlungsprogramm. BELTZ-Verlag.