Astrozytom - Medizinische Experten

Das zu den Gliomen zählende Astrozytom ist einer der am häufigsten auftretende Hirntumor. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterscheidet bei diesem Gehirntumor nach seiner Gut- bzw. Bösartigkeit im Wesentlichen drei Schweregrade: das pilozytische Astrozytom (Grad 1), das diffuse Astrozytom (Grad 2) und das anaplastische Astrozytom (Grad 3). Die beiden letzten Grade können jederzeit bösartig werden und dann in das Glioblastom (Astrozytom Grad 4) übergehen.


Medizinischer Lektor Dr. Claus Puhlmann

Dieser Artikel wurde nach den Vorgaben aktueller medizinischer Fachliteratur, Leitlinien und wissenschaftlichen Standards verfasst und sorgfältig von Medizinern geprüft.

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Was ist ein Astrozytom und welche Schweregrade gibt es?

Das pilozytische Astrozytom (Grad 1) kommt meist bei Kindern und jungen Erwachsenen vor, es ist der häufigste Gehirntumor des Kindesalters. Betroffen sind hauptsächlich das Kleinhirn, die Basalganglien, der Thalamus, der Hirnstamm und der Sehnerv (Nervus opticus; sog. Optikusgliom). Der Hirntumor Grad 1 wird nur langsam größer und ist hinsichtlich seiner Wachstumseigenschaften deutlich vom umliegenden Hirngewebe abgegrenzt. Er verläuft in 99 Prozent der Fälle gutartig und ist bei vollständiger operativer Entfernung heilbar.

Vom diffusen Astrozytom (Grad 2) sind meist Personen des mittleren Lebensalters (30. bis 40. Lebensjahr) betroffen. Er befindet sich in den meisten Fällen in der weißen Substanz des Großhirns, häufig im Bereich des Stirnlappens, seltener im Schläfen- oder Scheitellappen. Darüber hinaus kann es aber auch in anderen Bereichen des Gehirns vorkommen, wie Thalamus, Mittelhirn und Brücke. Das Grad-2-Astrozytom wächst sehr langsam, aber beeinträchtigt dabei auch gesundes Gewebe in seinem Umfeld (diffuses Wachstum). In etwa 10 Prozent der Fälle kommt es zu einer bösartigen Entartung.

Ein anaplastisches Astrozytom (Grad 3) kommt bei Menschen vor, die zwischen 35 und 45 Jahre alt sind. Der Tumor vergrößert sich schnell und ist gut durchblutet. Der Krebs ist im Großhirn lokalisiert und entwickelt sich häufig zu einem Glioblastom weiter.

Das Glioblastom (Grad 4) kommt in der Regel bei Menschen nach dem 50. Lebensjahr vor und ist das bösartigste und mit 3 Neuerkrankungen auf 100.000 Personen das am häufigsten auftretende Astrozytom. Der Tumor geht hauptsächlich von der weißen Substanz des Großhirns aus und wächst infiltrierend, das heißt in das gesunde Hirngewebe hinein.

Wie entsteht ein Astrozytom?

Die Tumorart bildet sich aus den Astrozyten. Dieser Zelltyp gehört zur Gruppe der Stützzellen (Gliazellen) im Gehirn. Stützzellen sind für die Abgrenzung der Nervenzellen von den Blutgefäßen und der Oberfläche des Gehirns zuständig. Astrozytome entstehen durch genetische Veränderungen, die eine Störung der Wachstumskontrolle von Astrozyten zur Folge haben. Dadurch kommt es zu ungehemmten Zellteilungen und zur Entstehung eines Tumors.

Als Ursachen für solche genetischen Veränderungen werden verschiedene Faktoren diskutiert. Als gesichert gilt, dass sich Hirntumoren als Folge einer Strahlentherapie entwickeln können. Außerdem scheinen chemische Substanzen wie Unkrautvernichtungsmittel und Stoffe auf Erdölbasis (Benzin, Diesel) als Verursacher infrage zu kommen.

Die Medizin geht jedoch davon aus, dass das Astrozytom meist nicht erblich bedingt ist. Es gibt allerdings bestimmte genetisch bedingte Erkrankungen, wie die Neurofibromatose vom Typ 1 und 2 (eine seltene Hauterkrankung), bei denen Astrozytome gehäuft auftreten.

Welche Symptome sind typisch für Astrozytome und wie werden sie diagnostiziert?

Grundsätzlich entwickelt das Astrozytom ähnliche Symptome wie andere Hirntumoren. Welche von ihnen bei dem jeweiligen Patienten auftreten, hängt davon ab, an welcher Stelle im Gehirn sich das Astrozytom befindet und wie groß es ist.

In der Nähe der Sehbahn befindliche Astrozytome beeinträchtigen das Sehvermögen, und es kommt zu einem Hervortreten des Augapfels (sog. Exophthalmus). Wächst der Tumor im Kleinhirn, leidet der Patient an Zittern der Hände, gestörtem Koordinationsvermögen der Gliedmaßen und anderen von dieser Gehirnregion gesteuerten Funktionen. Weitere mögliche Symptome eines Gehirntumors sind:

  • Schwindelgefühle
  • Übelkeit, Erbrechen
  • Kopfschmerzen
  • Müdigkeit
  • Persönlichkeitsveränderungen
  • Lähmungserscheinungen
  • Gangunsicherheit und Fallneigung
  • Krampfanfälle

Die wichtigste Methode bei Verdacht auf ein Astrozytom ist die Magnetresonanztomographie (MRT, auch Kernspintomographie genannt). Nach der Verabreichung eines Kontrastmittels erkennt der Neurologe das Astrozytom als entweder gut abgegrenzten oder diffusen Bereich im Kernspintomogramm.

Bei einem Astrozytom Grad 1 leuchtet die betroffene Hirnregion deutlich auf, da der Tumor scharf begrenzt ist. Tumoren der Grade 2 und 3 sind nur als mehr oder weniger dunkle Areale zu erkennen. Das Glioblastom ist als ringförmiges Gebilde zu sehen. Statt des MRT macht der Neurologe mitunter auch ein Computertomogramm (CT).

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Astrozytom des Mittelhirns; von MBq - Selbst fotografiert, Gemeinfrei, Link

Zur Sicherung der Diagnose dient eine Biopsie. Dabei entnimmt der Neurochirurg operativ eine Gewebeprobe aus der betroffenen Hirnregion und lässt sie im Labor auf bösartige Zellen untersuchen. Das Ergebnis dieser feingeweblichen (histologischen) Untersuchung ist wichtig für den Grad der Bösartigkeit des Tumors und somit für die Therapieplanung.

In ausgewählten Fällen wird auf das Vorhandensein bestimmter molekularer Marker hin untersucht, da ihre Präsenz bzw. Fehlen einen Einfluss auf die Prognose und Therapieentscheidung haben kann.

Eine weitere Untersuchungsmethode ist die Liquor-Diagnostik (Entnahme und Untersuchung von Flüssigkeit aus dem Rückenmark). Sie spielt insbesondere bei der Abgrenzung zu anderen Krankheiten eine Rolle.

Wie werden Astrozytome behandelt?

Bei der Therapieentscheidung muss der behandelnde Arzt Risiken und Nutzen abwägen und das Alter des Patienten, den Allgemeinzustand und den neurologischen Zustand in die Therapieplanung miteinbeziehen. Grundsätzlich stehen als therapeutische Möglichkeiten eine Operation, eine Strahlentherapie und eine Chemotherapie zur Verfügung.

Beim pilozytischen Astrozytom (WHO-Grad 1) reicht meist der operative Eingriff aus. Befindet sich der Tumor im Kleinhirn, lässt er sich in den meisten Fällen vollständig entfernen und hat damit eine sehr gute Prognose. Die Symptome bessern sich dann rasch. Pilozytische Astrozytome in den Basalganglien, im Thalamus und im Hirnstamm werden mit mikrochirurgischen Methoden entfernt - eine komplette Entfernung ist aber häufig nicht möglich, sodass sich in der Regel eine Strahlentherapie anschließt. Ist der Tumor nicht operabel, kommt eine Brachytherapie infrage. Bei der Brachytherapie werden mithilfe modernster Methoden radioaktive Körner ("seeds") in den Tumor platziert (Seed-Implantation), sodass dieser von innen heraus zerstört werden soll. Grad-1-Tumoren am Sehnerv werden ebenfalls operativ entfernt. Nur wenn sie nicht operabel sind, kommt die Strahlentherapie zum Einsatz.

Insbesondere kleinere diffuse Astrozytome (WHO-Grad 2) im Bereich des Stirnlappens können operativ entfernt werden. Abhängig vom Ergebnis der feingeweblichen Untersuchung wird dann entweder abgewartet, ob sich nach der Hirntumor-Operation ein erneutes Tumorwachstum einstellt, oder es wird mit einer Bestrahlung begonnen. Ziel einer Operation ist normalerweise die vollständige Entfernung des Tumorgewebes. Da der Tumor aber auch in gesundes Gehirngewebe hineinwächst, besteht die Gefahr von neurologischen Ausfällen, wenn auch gesundes Gehirngewebe mit dem Tumorgewebe entfernt wird. Deshalb können größere Tumoren in der Regel nicht vollständig entfernt werden. In diesen Fällen ist die Strahlentherapie von Bedeutung. Nur bei sehr ausgedehnten Tumoren und bei einem erneuten Tumorwachstum nach einer Strahlentherapie wird der Neuroonkologe den Patienten mit Zytostatika (Chemotherapie) behandeln.

Da das anaplastische Astrozytom (WHO-Grad 3) in gesundes Gewebe hineinwächst, ist eine komplette operative Entfernung nicht möglich. Ziel der Operation besteht vielmehr darin, die Größe des Tumors zu reduzieren und so die Erfolgsaussichten der anschließenden Strahlenbehandlung oder der Chemotherapie zu erhöhen.

Bei Astrozytomen der Grade 2 und 3 sind meist mehrfache Operationen notwendig, um den Tumor zu verkleinern oder einen erneut gewachsenen Tumor zu entfernen.

Auch beim Glioblastom wird zunächst versucht, die Tumorgröße mithilfe einer Operation zu reduzieren. Daran schließt sich eine Strahlentherapie und eine Chemotherapie an. Im Falle eines in der Regel erneuten Tumorwachstums wird wenn möglich nochmals operiert und eine Chemo- oder Strahlentherapie eingeleitet.

Hirntumor-Anzeichen werden entsprechend ihrer Symptomatik therapiert. Gegen Krampfanfälle verordnet der Mediziner Anti-Epileptika, Gewebe-Schwellungen nahe dem Tumor gehen durch Kortison-Präparate wie Dexamethason zurück.

Prognose bei Astrozytomen

Astrozytome des Grades 1 haben eine günstige Prognose. 5 Jahre nach der Entdeckung des Tumors leben noch 9 von 10 Patienten. Die meisten Patienten gelten nach dem operativen Eingriff als geheilt.

Bei Patienten mit Tumoren vom Grad 2 und Grad 3 müssen innerhalb von 5 Jahren nach der Operation weitere chirurgische Eingriffe erfolgen.

Die Lebenserwartung bei Patienten mit Astrozytom Grad 3 ist sehr viel geringer als die bei Patienten mit Astrozytom Grad 1. Die ungünstigste Prognose hat das Astrozytom Grad 4: 5 Jahre nach der Diagnose leben nur noch 5 von 100 Patienten. Allerdings können mithilfe moderner Chemotherapien die Überlebenszeiten insbesondere jüngerer Patienten verlängert werden.

Quellen

  • Back M, Jayamanne DT, Brazier D et al. (2019) Influence of molecular classification in anaplastic glioma for determining outcome and future approach to management. J Med Imaging Radiat Oncol. doi: 10.1111/1754-9485.12850
  • Jones DT, Hutter B, Jäger N, et al. (2013) Recurrent somatic alterations of FGFR1 and NTRK2 in pilocytic astrocytoma. Nat Genet 45: 927–932
  • Feiden S, Feiden W (2008): WHO-Klassifikation der ZNS-Tumoren. Pathologe 29, 411–421
  • Weller M (2014) Gliome - Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Herausgegeben von der Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. AWMF-Registernummer: 030/099
  • Wick W, Unterberg A, Debus J (2015) Astrozytäre Tumoren (Gliome). In: Hacke W (Hrsg) Neurologie. Springer, Heidelberg