Infantile Cerebralparese - Medizinische Experten

Für werdende Mütter gilt das ungeschriebene Gesetz, während der Schwangerschaft auf Alkohol, Nikotin, Drogen und Medikamente zu verzichten. Die Missachtung dieser Regel kann schwerwiegende Folgen haben. Eine davon ist die Infantile Cerebralparese (ICP; von lat. infantilis: kindlich, cerebrum: Gehirn, parese: Lähmung), die außerdem als Folge von Komplikationen während der Geburt oder bei schweren Infektionskrankheiten im Säuglingsalter auftreten kann.

Weitere Informationen zur Infantilen Cerebralparese finden Sie im Text weiter unten.

Übersicht

Empfohlene Spezialisten

Infantile Cerebralparese - Weitere Informationen

Infantile Cerebralparese (ICP) – Schädigung des Gehirns oft bereits im Mutterleib

Typisch für die Infantile Cerebralparese ist die abnorme Muskelspannung, die sich in erhöhtem, vermindertem oder stark schwankendem Muskeltonus äußert. Betroffene Kinder leiden unter Bewegungs- und Haltungsstörungen bis hin zu Lähmungen, können vermindert intelligent und zum Teil schwer behindert sein.

Definition der Infantilen Cerebralparese

Im 19. Jahrhundert wurde die ICP erstmals von dem englischen Orthopäden und Kinderarzt William John Little beschrieben. Unter Medizinern ist die Krankheit deshalb auch als „Little Disease“ bekannt. Es handelt sich um eine Störung des Muskel- und Nervensystems, die bei Kindern auftritt und sich typischerweise in Bewegungs- und Haltungsstörungen äußert. Die Erkrankung resultiert aus einer Schädigung des Gehirns, die noch im Mutterleib, während der Geburt oder im Säuglingsalter erfolgt ist.

Durch die Gehirnschäden ist der Kreislauf der Motorik, der aus Befehlen des Gehirns an den Bewegungsapparat und wieder zurück besteht, gestört. Neben den Bewegungseinschränkungen treten immer wieder auch Hör-, Seh- oder Sprachprobleme auf. Zudem werden häufig eine verminderte Intelligenz, Sinnes- und Wahrnehmungsstörungen oder Teilleistungsschwächen festgestellt.

Im internationalen Vergleich kommen auf 1000 lebend geborene Kinder 1,5 bis 2,5 Kinder mit Infantiler Cerebralparese. Besonders häufig betroffen sind Frühgeborene, das Risiko steigt mit sinkendem Geburtsgewicht.

Ursachen der Infantilen Cerebralparese

Die ICP kann vor der Geburt (pränatal), während der Geburt (perinatal) oder nach der Geburt (postnatal) entstehen und hat unterschiedliche Ursachen:

  • Sauerstoffunterversorgung während der Schwangerschaft
  • Vergiftung im Mutterleib durch Alkohol, Drogen, Medikamente oder Kohlenmonoxid
  • Infektionskrankheiten der Mutter wie Röteln oder Toxoplasmose während der Schwangerschaft
  • Unterversorgung durch eine Plazentainsuffizienz
  • genetische Störung
  • Blutgruppenunverträglichkeit
  • Risikogeburt mit Sauerstoffmangel
  • Nabelschnurverlegung
  • Vorzeitige Ablösung der Plazenta
  • Geburtstraumatische Schädigung
  • Infektionskrankheiten im Säuglingsalter
  • Thrombosen oder Embolien im Säuglingsalter
  • Schädel-Hirn-Trauma

Eine eindeutige Ursache für die Hirnschädigung kann aber nur in etwa der Hälfte der Fälle festgestellt werden. Es handelt sich dabei häufig um Sauerstoffmangel während des Geburtsvorganges. Erreicht das Neugeborene beim Apgarscore (Punkteschema zur Beurteilung des Zustands von Neugeborenen) vier oder weniger Punkte, ist das Risiko einer Infantilen Cerebralparese erhöht.

Symptome der Infantilen Cerebralparese

Die bei der ICP auftretenden Krankheitszeichen variieren, je nachdem welche Region des Gehirns beeinträchtigt ist. Am häufigsten treten Bewegungsstörungen auf, die betroffenen Kinder können ihre Muskeln nicht ausreichend kontrollieren. An Säuglingen sind die Bewegungsstörungen üblicherweise zunächst nicht zu bemerken. Eine geringe Körpersteifheit beim Hochheben kann ein erstes Indiz sein, zumeist wird die Erkrankung aber erst erkannt, wenn die Babys Schwierigkeiten haben, sich zu drehen, zu krabbeln oder zu gehen. Mediziner fassen die Symptome zu Syndromen zusammen, die den gesamten Körper (Tetraparese), eine Körperhälfte (Hemiparese) oder nur einen Körperteil (Diparese) betreffen können:

  • spastische Syndrome (starke Verkrampfungen, unwillkürliche Bewegungen, Lähmungserscheinungen bis hin zu Bewegungsunfähigkeit aufgrund erhöhter Muskelspannung)
  • dyskinetische Syndrome (unwillkürliche und unkontrollierte Bewegungen infolge von abwechselndem Anspannen und Entspannen der Muskeln)
  • kongenitale Ataxie-Syndrome (Mangel an grobmotorischen Fähigkeiten, gezielte Bewegungen können nicht ausgeführt werden)
  • Hypotonie-Syndrome (verminderte Muskelspannung, die zu epileptischen Anfällen, Sehnen- und Muskelverkürzungen sowie Verformungen von Knochen und Gelenken führen kann)

Kinder, die an Infantiler Cerebralparese erkrankt sind, leiden besonders häufig unter einer verkürzten Achillessehne, was die sogenannte Spitzfußstellung nach sich zieht. Für die Krankheit typisch sind zudem nach innen gedrehte und gebeugte Hüften und Arme sowie eine krumme Wirbelsäule. Außerdem zeigen betroffene Kinder oftmals Verhaltensauffälligkeiten und verminderte Intelligenz. Es können weitere Symptome wie Muskelzittern, Sehstörungen, Sprachstörungen und Hörstörungen oder Minderwuchs auftreten.

Diagnose der Infantilen Cerebralparese

Besteht der Verdacht auf ICP, werden zuerst andere Erkrankungen ausgeschlossen und eine detaillierte Befragung der Mutter, die sich vor allem auf die Schwangerschaft und die Geburt bezieht, durchgeführt. Anschließend folgen eine körperliche Untersuchung und eine genaue Beobachtung des Kindes. Der Arzt achtet dabei insbesondere auf Teilnahmslosigkeit, Unruhe, abnormes Schreien, Überstrecken oder schlaffe Körperhaltung, Spitzfußstellung, Störungen der Sprache, Schielen oder Krampfanfälle. Weiterführende Untersuchungen wie eine Magnetresonanztomografie (MRT), eine Entnahme von Rückenmarksflüssigkeit (Liquorpunktion) oder eine Blut- und Harnanalyse können den Verdacht bestätigen oder entkräften.

Therapie der Infantilen Cerebralparese

Für die ICP gibt es keine Heilung, aber durch gezielte Therapien können die Symptome gelindert werden. Die Behandlung findet auf multidisziplinärer Ebene statt und involviert neben dem Patienten und seinen Angehörigen zumeist den Kinderarzt und einen Neuroorthopäden, einen Orthopädietechniker, einen Neurologen, einen Ergotherapeuten und einen Krankengymnasten. Folgende Therapien werden in der Regel durchgeführt:

  • Physiotherapie nach Vojta oder nach Bobath, um die verkrampften Muskeln zu lockern und die Muskelbewegung zu verbessern
  • Ergotherapie
  • Logopädie
  • Krampflösende Medikamente und Beruhigungsmittel
  • Orthopädische Gehhilfen
  • Psychologische Beratung

Kinder, die während des Geburtsvorganges unter Sauerstoffmangel litten, werden seit einigen Jahren sofort in ein Kältebett gelegt. Die Herabsetzung der Körpertemperatur auf rund 32 Grad soll verhindern, dass weitere Gehirnzellen absterben. Die Kältetherapie zeigt beachtliche Erfolge.

Operative Maßnahmen bei Infantiler Cerebralparese

Bringen konservative Behandlungsmethoden keinen Erfolg oder zeigen sich gar Rückschritte, können chirurgische Eingriffe notwendig werden, beispielsweise die Operation verbogener Knochen oder instabiler Gelenke. Verkürzte Sehnen werden verlängert, um die Muskelspannung herabzusetzen, und Nerven oder Muskeln werden durchtrennt, um Schmerzen zu lindern. Es besteht zudem die Möglichkeit, eine Medikamentenpumpe in der Nähe des Rückenmarks zu implantieren. Diese kann die Muskelspannung am Rückenmark, wo die Spastik (Muskelverkrampfung) entsteht, reduzieren.

Schulbesuch mit Infantiler Cerebralparese

Sind die kognitiven Fähigkeiten bei einem ICP-Kind nicht beeinträchtigt, steht einem Besuch der Regelschule im Grunde nichts im Wege. Dennoch ist es für die Eltern zumeist ein langwieriger Prozess, denn für den Umgang mit Kindern mit einer Körperbehinderung sind viele Lehrer nicht ausgebildet. Ein Integrationshelfer kann das Kind im Schulalltag unterstützen, die Genehmigung ist allerdings mit großem bürokratischem Aufwand verbunden. Kommt der Besuch einer Regelschule nicht infrage, ist die Förderung bei ICP dennoch von ganz besonderer Bedeutung. Ein möglichst früher Förderbeginn (schon im Säuglingsalter) beeinflusst die Entwicklung des Kindes in jedem Fall positiv.

Standorte der Spezialisten

Klinikstandorte
Flughäfen